Im Gespräch
In Kulturjournal Regensburg werden in jeder Ausgabe ein Kulturschaffender, eine Kulturschaffende interviewt. Den Anfang machten wir im April 2008 mit Michael Bleiziffer, Oberspielleiter an den städtischen Bühnen Regensburg. In der aktuellen Ausgabe kommt die Tänzerin Sara Leimgruber zu Wort - Zeit für einen Rückblick.
„Die Bühne ist mein Zuhause“
Im Gespräch mit der Tänzerin Sara Leimgruber
Sara Leimgruber ist seit 2004 festes Ensemblemitglied des Regensburger Balletts. Mit vielen großen Solo-Parts, jeder Menge Charme und einer natürlichen Ausstrahlung hat sie sich in die Herzen des Publikums getanzt. Darüber hinaus ist sie auch als Pädagogin eine sympathische Repräsentantin des Bühnentanzes – nicht nur für Kinder – und erste eigene Choreografien deuten bereits an, wohin die Karriere der Schweizerin Jahrgang 1978 eventuell führen wird. Zum Gespräch mit der Tänzerin und Choreografin haben wir uns zunächst im Eiscafé Venezia getroffen, wo wir mit selbst gebackenen Schokostreusel-Kuchen verwöhnt wurden, mussten aber leider wegen des Baustellenlärms umziehen, um in Ruhe miteinander plaudern zu können. Interview von Peter Lang
Kennen Sie den ehemaligen Schweizer Fußballnationalspieler Werner Leimgruber?
Ja natürlich, das ist mein Vater. Komisch, erst kürzlich hat der Bayerische Rundfunk über ihn berichtet und altes Doku-Material gesendet. Vom Vater habe ich die Sportlichkeit, von meiner Mutter die kreative Ader.
Und wie kamen Sie zum Tanz?
Mit dreieinhalb Jahren sah ich im Fernsehen an Weihnachten „Der Nussknacker“ und war augenblicklich infiziert. Ich bettelte so lange, bis mich dann ein Jahr später meine Mutter an der Ballettschule des Züricher Opernhauses anmeldete. Und dann ging es konstant weiter bis zur Bühnenreife, wie es so schön heißt. Mit fünf Jahren stand ich zum ersten Mal auf den Brettern des Opernhauses Zürich.
Welche Choreografien und Persönlichkeiten waren für Ihre künstlerische Entwicklung und Ihren Werdegang prägend?
Meine Lehrerin Doris Catana Beriozoff und ihr Mann Nicolas. Sie haben es verstanden, mit mir so zu arbeiten, dass sich in mir die Faszination am Tanz erhalten hat. Prägend war auch die Zusammenarbeit mit Germinal Casado, der mich beim Vortanzen für den Prix de Lausanne, wo ich es ins Halbfinale schaffte, entdeckte und sofort ans Staatstheater Karlsruhe engagierte. Und Nacho Duato, der das spanische Nationalballett zu einem führenden Ensemble im Bereich Modern Dance gemacht hat: ich schätze ihn sehr und bewundere seine Arbeit.
Modern Dance, klassischer Spitzentanz, Neo-Klassik, was sagt Ihnen mehr zu?
Ohne eine klassische Basis ist Modern Dance nicht aufführbar. Jede noch so experimentelle Choreografie braucht als Grundlage das klassische Bewegungsvokabular. Ich bin als kleines Mädchen zum Ballett gegangen, weil ich eben Tutu und Spitzentanz faszinierend fand. Mit acht Jahren erlaubte unser Ballett-Arzt, dass ich auf Spitze tanzen durfte. Die klassischen Rollen wie die Odette in Schwanensee sind ausdefinierte Charaktere, die man verkörpern muss. Genauso spannend ist es – wie vor allem in der Arbeit mit Olaf Schmidt –, Figuren für Uraufführungen neu zu gestalten.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Ballettchef Olaf Schmidt?
Ich hatte ihn in Karlsruhe kennengelernt und er hat mich nach Regensburg geholt, als er hier Ballettdirektor wurde. Wir arbeiten sehr gut zusammen, der Umgangston ist menschlich und in der Compagnie stimmt es einfach. Er fordert mich und spornt mich immer wieder an, meine Grenzen zu überschreiten.
Sie sind auch in der Ballett-Pädagogik engagiert. Was machen Sie da konkret?
Ich gebe Tanzunterricht für Kinder und Erwachsene im Tanzclub Blau-Gold. 85 Schülerinnen und Schüler, vom kleinen Kind bis zu 60 Jahre alten Schülerin, die sich mit dem Tanzunterricht einen frühen Wunschtraum erfüllt hat. Darüber hinaus leite ich auch Ballettkurse an der Kinderakademie Fliegenpilz. Seit dem Schuljahr 2006/07 betreue ich an der Clermont-Ferrand-Hauptschule – nach dem Vorbild „Rhythm is it“ 1 – eine Tanz-AG für Schüler und Schülerinnen der 5. bis 9. Klassen. Ziel dieses Unterrichts ist es, den Schülern durch kreatives und tänzerisches Schaffen Handlungs- und Ausdrucksräume zu schaffen, individuelle Entfaltungsmöglichkeiten zu steigern und neue Begegnungsräume zu öffnen. Ein sehr spannendes Projekt, das mich extrem fordert, mir aber auch neue Sichtweisen und Perspektiven eröffnet.
Wie beurteilen Sie die Nachhaltigkeit von Kunstvermittlung bei Jugendlichen? Wie erreicht man Pubertierende und junge Menschen aus sozial benachteiligten Familien?
Schwierig, es gibt Stunden, da kommen wir kaum zum Tanzen, da wird nur diskutiert, warum wer was wie macht. Auf der anderen Seite kann man selbst wilde Rabauken und Migrantenkinder mit anderem kulturellen Background zu Kreativität und zum Tanz bringen, indem man ihnen etwa eine Kampfsituation vorgibt, die man choreografisch auflöst. Man muss sie da abholen, wo sie stehen, also mit MTV-Ästhetik und Hip-Hop. Sehr gut hat es letztes Jahr mit einer Fußballchoreografie geklappt. Generell aber ist immer noch die alte Rollenverteilung zu beobachten, Mädchen machen Ballett, Jungs spielen Fußball. Diese Rollen-Klischees aufzubrechen, wird wohl niemandem gelingen.
Ende Mai ist bei „creative attack“ wieder eine Choreografie von Ihnen zu sehen. „Der kleine Horrorladen“, die Einlage in „Andrea Chenier“, Tänze im „Lebkuchenmann“, was inspiriert Sie beim Choreografieren?
Wenn die Musik vorgegeben ist, bestimmt sie die weitere Vorgehensweise und die Bewegungsabläufe, da muss ich meinen Fundus an Erfahrung plündern und Erlerntes abrufen und neu kombinieren. Wenn ich wie in „creative attack“ völlig frei arbeiten kann, steht da meist eine Idee, zu der ich dann Musik und ein Handlungsgerüst und schließlich den Bewegungsablauf suche. Es wird heuer – nach einer humorvollen Schweiz-Nummer im letzten Jahr – eine sehr düstere Geschichte, deren Kernaussage aber ist, nie die Hoffnung aufzugeben!
Mit 40 ist für Tänzer meist Schluss. Haben Sie das bei Ihrer Berufswahl bedacht?
Bei Tänzerinnen ist es bereits mit Mitte 30 und viele haben Glück, wenn sie in der Maskenbildnerei, an der Theaterkasse oder – wie eine Kollegin aus Karlsruhe – in der Theatermalerei eine neue Anstellung finden. Aber all das spielte bei meinen Überlegungen keine Rolle. Es ging bei mir stringent von viereinhalb Jahren bis heute weiter. Ich habe mir durch diverse Aktivitäten wie Unterricht und Schularbeit fast so etwas wie ein zweites Standbein geschaffen und durch Fortbildung an der TU München Kompetenzen erworben, die mich nun nicht ganz pessimistisch in die Zukunft blicken lassen.
Sie könnten doch auch die Laufbahn einer Choreografin einschlagen, oder?
Ich weiß nicht, ob mir drei-, viermal pro Saison die Choreografie für Tanzabende einfallen würde. Klar, es macht Spaß, neue Bewegungsabläufe auszutüfteln. Aber ich denke mal, ich gehe es langsam an und warte, was da kommen wird. Ich sehe mein künftiges Engagement mehr auf dem Sektor (Tanz-)Pädagogik. Vielleicht mache ich aber etwas ganz Neues, eventuell Computerarbeit.
Hatten Sie je den Punkt erreicht, wo Sie sagten: So, jetzt reicht es mit dem Tanzen?
Nein. Nie. Gut, jeden Morgen in diese Tretmühle aus Exercise und Proben, Routine und Alltag und immer dieselben Gesichter … Aber nein, ich hatte mich sehr früh für den Tanz entschieden und bis heute habe ich es noch nicht einen Moment bereut.
Regensburg als Tanzstadt, möchten Sie dies kommentieren?
Wenn man mal durchzählt, wie viele Ballettschulen es in Regensburg gibt, wenn ich das enthusiastische Publikum in meinen Vorstellungen erlebe, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, Regensburg ist eine Tanzstadt. Auch die Vernetzung der freien Szene mit uns subventionierten Kräften klappt in hervorragender Weise. Mit der tanzstelle R konnte ich im letzten Jahr das Tanztheater „3 Schwestern“ in der Alten Mälzerei realisieren. Etwas, was nicht überall in dieser Ungezwungenheit möglich ist. Ich freue mich, dass ich im Juni im Turmtheater Improvisations-Tanz mit hochkarätigen Partnern zeigen werde. Ich bin gespannt, wie es ankommen wird, eine sehr experimentelle Sache, die ein Künstler via Monitor bildnerisch visualisieren wird. Ich hoffe, dass es Regensburg gefallen wird.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Höchstens mal einen Bummel durch die Stadt. Meine Freizeit ist angefüllt mit Aktivitäten für den Tanz, also die Nachwuchsarbeit und pädagogische Aufgaben. Und das alles muss ich neben meinem Brotberuf als Tänzerin im Bühnenengagement bewerkstelligen. Was dann noch an Zeit bleibt, gehört meinem Freund und dem Nichtstun.
Frau Leimgruber privat: Wenn Sie denn in Diskos gehen, wie tanzen Sie da?
O mein Gott, ganz schlecht, ich kann da gar nicht aus mir herausgehen wie auf der Bühne, da bin ich eher gehemmt und beneide die Leute, die auf den Tanzflächen so richtig hemmungslos loslegen. Was ich ganz gerne mag, das ist Salsa, aber hier sind ja schon wieder Schrittfolgen vorgegeben …
In Regensburg gibt es ja förmlich eine Schweizer Kulturclique. Gut für Sie?
Martin Hofer, Heinz Müller – alle aus Zürich wie ich. Wir mögen uns und es kommt auch zu regelmäßigen Zusammenarbeiten. Das war am Stadttheater so, das wird am Turmtheater so sein. Und jetzt noch zwei neue Schweizer im Schauspielensemble. Gelegenheit mal Schwyzerdütsch zua rede.
Wir konnten vorhin in der Eisdiele schon Ihre Backkünste bewundern. Kochen Sie gerne?
Ich esse und koche sehr gerne, allerdings seit fast 20 Jahren vegetarisch. Milch und Eier sind nicht verboten und im Urlaub am Meer darf es auch mal Fisch sein, aber Vierbeiner werden grundsätzlich nicht verspeist. Ich mag auch die deftige bayerische Küche und hatte mal im Spitalgarten Knödel mit Salat ohne Bratensoße verlangt. Die nette Bedienung mühte sich nach Kräften, aber der Koch weigerte sich, es war für ihn unvorstellbar, Knödel ohne Soße zu servieren.
1) Dokumentarfilm über Schüler aus Berliner „Problemschulen“, mit dem Choreografen und Tanzpädagogen Royston Maldoom.
(Foto oben: Michael Kroll, unten: Juliane Zitzlsperger)
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4.05.09 - michael kroll
