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Illusion und Realität

Nach der Ermordung des einflussreichen Journalisten Ivo Pukanic steht nach Meinung der Süddeutschen Zeitung der EU-Beitritt des Landes auf dem Spiel. Das Münchner Leitmedium fand die Schlagzeile "Ein Anschlag auf ganz Kroatien". Umso interessanter dürfte der Vortrag von Prof. Dr. Hannes Grandits über das beliebte aber doch weitgehend ubekannte Urlaubsland Kroatiien sein. Im Rahmen der donumenta 2008 spricht er am 30. Oktober um 18 Uhr im Südost-Institut. Der gesellschaftliche Wandel in dem durch den Krieg unabhängig gewordenen kroatischen Nationalstaat steht im Mittelpunkt des Vortrags, den der Grazer Historiker und Kulturanthropologe hält.

Dabei ist es nicht nur der Krieg, der im Land als turbulenter und schmerzlicher Umbruch, freilich aber auch als Emanzipation von der Belgrader Fremdbestimmung empfunden worden ist. Wenn Professor Grandits seinen Vortrag „eine Gesellschaft im Umbruch“ nennt, dann meint er damit auch den Wandel von der sozialistischen Wirtschaftsweise hin zur kapitalistischen Marktwirtschaft und dessen Folgen für die sozialen Verhältnisse. Wie immer ist dieser Wandel ein ambivalenter Prozess: Die neuen Freiheiten und der neue Wohlstand werden erkauft mit neuen Unsicherheiten und den Verflüssigungen, welche die Globalisierung für uns alle mit sich bringt.

 Position einer jungen Intellektuellen
Der Übergang Kroatiens zu einem modernen, von Marktwirtschaft und Demokratie geprägten Staat soll auch in der großen Gesprächsrunde diskutiert werden, die am letzten Abend der donumenta, am 5. November im Anschluss an die Autorenlesung um 19 Uhr in der Lesehalle Stadtbücherei am Haidplatz stattfinden wird. Wie schon bei den großen Diskussionsrunden in den letzten Jahren, schaffte es die donumenta auch heuer wieder, diesen Kreis hochrangig zu besetzen. An erster Stelle zu nennen ist die 1973 in Dalmatien geborene, heute in Berlin lebende und beim Traditionsverlag Suhrkamp veröffentlichende Autorin Marica Bodrožić, die vor der Diskussion aus ihrem hoch gelobten Prosaband „Sterne erben, Sterne färben“ lesen wird. Sie ist eine Vertreterin des jungen intellektuellen Kroatiens, das Krieg und Umbruch bereits bewusst miterlebte und sich dazu eine eigene, kritische Position erarbeitete. Mit ihr diskutieren an diesem Abend Enver Robelli, der Südosteuropa-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Dr. Rainer Stinner, der Südosteuropabeauftragte der FDP im Deutschen Bundestag und der Kieler Historiker Prof. Dr. Ludwig Steindorff. Geleitet wird die Gesprächsrunde von Dr. Konrad Clewing vom Regensburger Südost-Institut, das alle Referenten der diesjährigen donumenta in Kooperation eingeladen hat.

Ist die EU bereit für Kroatien?
Die Frage, die an diesem Abend im Zentrum des Interesses stehen wird, lautet: Ist Kroatien reif für die EU? Mit gutem Recht kann man sie auch umformulieren und fragen: Ist die EU bereit für Kroatien? Seit 2004 ist Kroatien offizieller Beitrittskandidat. Und am Ende eines solchen Prozesses stand bisher immer die Vollmitgliedschaft. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, inwieweit dieser Beitritt innerhalb und außerhalb Kroatiens erwünscht ist. Gerade in den weniger wohlhabenden Schichten des Adriastaates gibt es eine große Skepsis gegenüber dem EU-Beitritt, wird doch von vielen vermutet, dass in erster Linie die Wirtschafts- und Politeliten und „Fremde“ davon profitieren werden. Und selbstredend gibt es auch in der EU einige Zweifel, ob ein Land, das heute zwar ruhig und prosperierend ist, in dem aber vor nicht allzu langer Zeit noch ein blutiger Krieg tobte, reif für die wohl situierte Staatengemeinschaft ist. Hinzu kommen die fortdauernden Turbulenzen im Gefüge der EU, die einen Beitritt erschweren. All diese Fragen werden zu diskutieren sein. Es sind Fragen, die uns alle angehen, ob wir Kroatien nun nur als Urlaubsparadies oder als künftigen EU-Mitgliedsstaat ansehen.

(Text: Paul-Philipp Hanske)

 

27.10.08 - michael kroll

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