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Ihre Majestät, die Orgel

Ein Beitrag über die Königin der Instrumente von Peter Lang

Orgeln – von Portativen einmal abgesehen – sind immobil. Flöten, Geigen oder Trompeten können ihre Instrumentalisten bequem mit sich führen. Wer eine Orgel live hören will, ist gezwungen Kirche oder Konzertsaal aufzusuchen. Auch dieser Aspekt, der Umstand, dass Musikliebhaber, Hörer und Gläubige zur Orgel pilgern müssen, um sie zu hören, mehrt den Nimbus der Orgel als „Königin der Instrumente“.

 Da die Kirchendichte in der Altstadt sprichwörtlich ist, gibt es folglich auch sehr viele Orgeln in Regensburg. Prof. Norbert Düchtel, Professor für Künstlerisches Orgelspiel an der Hochschule für Musik in Detmold und Dozent an der Regensburger Hochschule für Kirchenmusik sowie Orgelsachverständiger des Bistums Regensburg, kennt sie alle und hat wohl auch auf jeder schon gespielt. Er hat 2006 anlässlich des Baus der Papst-Benedikt-Orgel die Internationale Orgelfestwoche (7., 10. und 14. September 2008) ins Leben gerufen, eine hochkarätige Veranstaltungsreihe mit namhaften Solisten aus der ganzen Welt.

Die Orgel des Papstes (Foto links Verlag Schnell + Steiner)
Als in den 90er Jahren die Stiftsbasilika Alte Kapelle – ein Rokoko-Gesamtkunstwerk, das Vergleiche mit Gotteshäusern im Pfaffenwinkel nicht scheuen muss – grundlegend renoviert wurde, war klar, dass auch die Orgel auf den neuesten Stand gebracht werden muss. Jedoch war in Sanierungskonzept und im Budget eine neue Orgel, die alte von ursprünglich 1747 war bis 1974 immer wieder erneuert, aus- und umgebaut worden, nicht vorgesehen. Auf Initiative von Stiftskapellmeister Josef Kohlhäufl und Stiftsorganist Norbert Düchtel wurde ein Förderverein gegründet, um die Finanzierung einer dem Gotteshaus adäquaten Orgel voranzubringen. Alles ging plötzlich ganz schnell und die Finanzierung stellte auch kein Problem mehr dar, als ein Freund und Gönner der Stiftskirche, Kardinal Joseph Ratzinger, zum Papst gewählt worden war. Der Orgelneubau wurde von der Liechtensteiner „Gedächtnisstiftung Peter Kaiser (1793-1864)“ finanziert, die sich die Förderung „christlicher Weltanschauung“ sowie den „Erhalt altherkömmlicher Kulturgüter und Denkmäler“ zum Ziel gesetzt hat. Einzige Bedingung: Die Orgel ist ein Geschenk an den Heiligen Vater und soll seinen Namen tragen. Da sie bis zu seinem Regensburgbesuch im September 2006 fertig werden musste, drängte die Zeit. Die Ausschreibung gewann die Orgelbau-Werkstatt Mathis aus der Schweiz, die innerhalb eines Jahres das Werk vollendete hatte. Die neue Orgel wurde baulich und klanglich dem historischen Orgelprospekt von 1791 angepasst, der als Kunstwerk von europäischem Rang gilt. Um Ruhe und Stille für die sensible Intonation der über 2000 Pfeifen zu haben, verrichtete der Firmenchef diese Arbeit in den Nachtstunden. Neben den 40 üblichen Registern kann die Stifts-Orgel auch eine Nachtigall, einen Kuckuck und Vogelgesang erklingen lassen, ferner ist es dem Organisten möglich, zusätzlich zu den Orgelklängen ein Glockenspiel erklingen zu lassen, ein verblüffender Klangeffekt! „Die große Kunst, Orgeln zu bauen, besteht in der Synthese aus hervorragendem Handwerk, Beherrschung der Technik und Kreativität. Der Handwerker erschafft das Werk, der Intonateur erst bringt es zu seiner Vollendung. Wir hatten das große Glück, in Orgelbaumeister Mathis aus der Schweiz einen ausgewiesenen Meister seines Fachs zu gewinnen, der das jüngste Regensburger Orgel-Großprojekt mit außergewöhnlichem Engagement anging“, strahlt Norbert Düchtel. „Ein Organist ist für seine Zuhörer ja in der Regel unsichtbar, Sänger und Solisten für andere Instrumente sind da weniger anonym. Daher haben viele Leute Hemmschwellen, was Orgelmusik und Konzerte anbelangt. Dabei wurde bisher für kein Instrument soviel komponiert wie für die Orgel. Am liebsten erkläre ich Kindern die Orgel“, bekennt Norbert Düchtel, „Vorschulkinder, besonders aus Migranten- oder muslimischen Familien, die noch nie eine Kirchenorgel gehört haben, sind geradezu überwältigt, wie man mit einem einzigen Finger den riesigen Kirchenraum zum Klingen bringen kann.“ Die Papst-Benedikt-Orgel ist jeden Sonntag um 9.15 Uhr im Rahmen von Gottesdiensten zu hören, denn sie ist in erster Linie eine Kirchen- und erst dann eine Konzertorgel. Für Orgel-Fans: Im Verlag Schnell & Steiner ist eine reich bebilderte und ausführliche Dokumentation über die Papst-Benedikt-Orgel und ihr Vorgänger-Instrument erschienen, ISBN 978-3-7954-6648-0.

Original Barock
Neben der Papstorgel verdient die Späth-Orgel in der evangelischen Oswaldkirche am Weißgerbergraben (Eiserner Steg) gleichermaßen Beachtung, handelt es sich doch in weiten Teilen um die älteste noch erhaltene Orgel Regensburgs. Sie stammt aus der Werkstatt des Regensburger Orgelbauers Franz Jakob Späth, der auch als Klavierbauer berühmt und gerühmt war, Mozart besaß zwei Instrumente von ihm. Der prachtvolle Rokoko-Prospekt von 1750, mit in Weiß und Gold gefassten Rocaillen, stellt allein ein Denkmal ersten Ranges dar. Natürlich entspricht ein derart historisches Instrument nicht den Anforderungen, die romantische oder zeitgenössische Kompositionen an ein Instrument stellen, aber Barockmusik auf der sorgfältig restaurierten Orgel lässt erahnen, wie Orgeln im Barock geklungen haben. Zu Besichtigen ist die Oswaldkirche im Rahmen einer Ausstellung täglich (ab 16.00, Do. ab 18.00 Uhr), zu besichtigen. Rekonstruktion aus der Renaissance In der Minoritenkirche finden wir eine entzückende kleine „Schwalbennestorgel“, die Rekonstruktion eines Instruments von etwa 1500. Gelegentlich erklingt das Instrument zu besonderen Anlässen oder offiziellen Empfängen der Stadtverwaltung, die säkularisierte Kirche ist Teil des Historischen Museums am Dachauplatz. Besonderheit: Die Schwalbennestorgel verfügt über einen Zimbelstern, ein mechanisches Spielwerk das aus einem Stern im Prospekt mit (nicht sichtbaren) kleinen Glöckchen besteht. Der Stern rotiert, während ein Klingeln ertönt. Der Einsatz des Zimbelsterns verleiht triumphalen Weisen einen Überhöhungseffekt. Besonders bei Weihnachtsliedern kommt der Zimbelstern zum Einsatz, weshalb das Register unter Organisten scherzhaft auch „Zimtstern“ genannt wird.

 Eine Orgel für die Hauptkirche der Region
Im Dom wird im Herbst 2009 eine neue symphonische Orgel erklingen. Das 2,5 Millionen Euro teuere Instrument wird ausschließlich aus Spenden finanziert. Der beste Platz, so der Konsens von staatlichem Hochbauamt, Denkmalpflege, Domkapitel und Kirchenmusikern, ist die fensterlose Fläche über dem Albertus-Magnus-Altar. Um störende Stelzen und um Eingriffe in die gotische Substanz zu vermeiden, wird das 25-Tonnen-Instrument an Stahlseilen an einem Traggestell aufgehängt, das über dem Kreuzgewölbe installiert wird. Ein Prospekt zeigt den Dombesuchern, wie sich ab Herbst 2009 die Orgel in der Kathedrale ausnehmen wird. Die Hauptorgel wird 4 Manuale (Hauptwerk, schwellbares Positiv, Schwellwerk und Solowerk) und Pedal bei 78 Registern umfassen. Derzeit spielt der Domorganist noch einer vergleichsweise bescheidenen Orgel, die etwas unglücklich neben dem Hauptaltar versteckt ist.

Ausblick
Alle Orgeln der Stadt zu würdigen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Beachtenswerte Orgelprospekte gibt es u.a. noch in der Dreieinigkeitskirche, in St. Emmeram und Niedermünster, wenngleich die Orgelwerke dort noch ihrer Überholung und/oder Restaurierung entgegen harren. Gute Orgeln, die spieltechnisch und klanglich heutigen Anforderungen genügen, Orgeln, auf denen Literatur des Barock, der Romantik und der Moderne „klingt“, gibt es in Regensburg inzwischen viele. So in St. Joseph im Stadtteil Reinhausen, in der Kirche St. Vitus (Karthaus-Prüll), in der Neupfarrkirche. Und mit der neuen Domorgel sowie den vielen „Übungs-Orgeln“ der Katholischen Kirchenmusikschule und dem Instrument im Konzertsaal der Regensburger Domspatzen ließe sich die Internationale Orgelwoche (2006, anlässlich der Einweihung der Papst-Benedikt-Orgel von Prof. Düchtel ins Leben gerufen) durchaus und nachhaltig zu Wochen dehnen. Regensburg ist bereits eine Stadt der Orgeln, in Zukunft wird sie es noch mehr sein. Orgelkonzerte Jeden Mittwoch um 12.00 Uhr findet im Dom St. Peter ein „Orgelpunkt“ statt. Es spielt Prof. Franz Josef Stoiber an der alten Domorgel. Der Eintritt zu dieser 25-minütigen Mittagsmusik ist frei. Internationale Orgelwoche an der Papst-Benedikt-Orgel in der Alten Kapelle Sonntag, 7. September 18.00 Uhr Prof. Andrzej Chorosińński (Warschau) mit Werken von Mendelssohn-Bartholdy, Messiaen, J.S. Bach, Surzyński u.a. Mittwoch, 10. September, 20.00 Uhr Prof. Helmut Binder (Dornbirn/Österreich) mit Werken von J.S. Bach, Rheinberger, Planyavsky, Schmidt u.a. Sonntag, 14. September, 18.00 Uhr Festliche Musik für Oboe und Orgel Andreas Wittmann – Oboe (Berlin) und Prof. Norbert Düchtel (Regensburg/Detmold) mit Werken von J.S. Bach, Rheinberger, Messiaen, Hummel u.a. Weitere Infos unter www.papst-benedikt-orgel.de

 

3.07.08 - Redaktion

 
 
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