Herein spaziert!
Das Künstlerhaus Andreasstadel führt überwiegend ein, von der Öffentlichkeit wenig registriertes Dasein. Die Künstler, die eines der Förderateliers bezogen haben, schätzen dies auch, denn so können sie in Ruhe arbeiten. Einmal im Jahr öffnet das von der Kunst- und Kulturstiftung Oswald Zitzelsberger getragene Kunstdomizil seine Türen zu den sogenannten Kulturtagen. Doch dieses Jahr gab es eine Zugabe: Mit den Tagen der offenen Ateliers stellten sich Lilo Kincaid, Manfred Neman, Sascha Gratza-Hübner, Peter Bohn, Inken Töpffer, Sabine Schneider, Pat Doherty, Martin Scherm, Stephan Fritsch und Peter Engel der interessierten Öffentlichkeit vor. Und noch etwas: Pünktlich zur Atelier-Schau ging die Kunsthalle Pertolzhofen auf dem idyllischen Stadtamhofer Grün vor Anker.
Heiko Herrmann ist der Vater der kleinsten deutschen Kunsthalle. Er hat einen Container in dem Oberpfälzer 350-Sellen Ort als Ausstellungsort installiert und so eine wahre Kunstbegeisterung ausgelöst: der Kunstverein Pertolzhofen hat 50 Mitglieder! Heribert Heindl und Stephan Fritsch sind mit Herrmann gut bekannt und haben, ganz im Sinne ihres Lehrers Helmut Sturm, zusammengearbeitet und sich auf geistiger Ebene ausgetauscht. Zu sehen ist das Gemeinschaftswerk, das vielleicht Dreieckbeziehung hätte heißen könnten, rundum die Uhr, denn es ist in der mobilen Kunsthalle ausgestellt und jederzeit von außen anschaubar – auch bei Nacht.
Stephan Fritsch ist einer der zehn Atelierbewohner, die sich und ihre Arbeit dem interessierten Publikum im Andreasstadel zugänglich machten. Der vielfach ausgezeichnete Maler, der letztes Jahr auch im Kasino der E.ON Bayern AG in Regensburg zu sehen war, malt „jenseits des Bildes“. Seine Motive sind die Farbe und der Strich. Wobei hier Strich im Sinne des Farbauftrags zu verstehen ist. Er geht „malend über das Malen hinaus“, wie der Regensburger Helmut Hein feststellt. In „Stephan Fritsch“, herausgegeben in Zusammenarbeit mit Anjalie Chaubal, schreibt Hein: "Stepahn Fritsch ist so ein gelassener Maler; einer, der bis in die letzten Details der Materialbehandlung, das Ereignis vorbereitet, das keiner erzwingen kann."
„Räume mit Inhalt“ steht auf der Visitenkarten von Sascha Gratza und beim Betreten ihres Ateliers könnte man sagen: „Raum mit Räumen“. Angenehm einladend ist ihre Werkstatt – sie wirkt eingerichtet. Das mag daran liegen, dass sich Sascha Gratza der Gestaltung von Bühnenbildern und dem Entwurf von Kostümbildern und Kindermöbeln widmet. Derzeit sind ihre Bühneneinrichtungen in den Stücken „Das Fräulein Pollinger“ und „Trouble in Tahiti“ zu sehen. Ihr Arbeitsspektrum reicht von der Skizze bis hin zu maßstabsgerechten Detailplänen, nach denen Möbel oder Bühnenbauten hergestellt werden. Ihre Tätigkeit erfordert Kreativität und Einfühlungsvermögen aber auch ein Gespür für Machbarkeit und Standfestigkeit. Denn bei aller visuellen Kraft muss ein Bühnenbild natürlich auch dem alltäglichen Spielbetrieb standhalten.
Prozesshaft entstehen die Ölbilder von Patricia Doherty, die vor anderthalb Jahren von Belfast ins Künstlerhaus gezogen ist. Ihre Arbeitsweise und ihre Malerei ist eine Reise, bei der nur der Ausgangspunkt fest steht, das Ziel definiert sich im Laufe der Arbeit am Bild selbst und immer neu, bis es plötzlich – ohne kalkuliert angesteuert worden zu sein – erreicht ist. Die Kontraste, Konstellationen und Kombinationen an Farben und Strukturen in den Bilder von Pat Doherty sind dennoch keine willkürliche Informell-Bilder, sie entstehen Schritt für Schritt, langsam und in intensivem Hineinfühlen und –finden in die Arbeitsmaterialien. Hierin sind die feinnervigen Blei- und Buntstiftarbeiten auf Papier den Ölbildern Dohertys ähnlich, wenngleich das Ergebnis eine radikale Abkehr von ihren dynamischen, meist quadratischen Farb-Raum-Welten ist. Grafit- und Bundstiftminen erobern sich Terrain auf dem Papier, reiben sich daran (auf) und hinterlassen Spuren und schaffen nichtsdestoweniger dekorative Labyrinthe von starker Sogkraft.
Als Herrgottschnitzerin könnte Inken Töpffer einem luxuriösen Lebenswandel frönen, will sie aber nicht, sie mag es experimentell und ist ein Beleg dafür, dass im Künstlerhaus auch die Innovation ihren Platz findet, hat und behauptet. Neben spielerischen und ausgeklügelten kleinformatigen Skulpturen – begeistern Töpffers abstrakt verschachtelte Steck-Holzskulptur – dominiert ihr Atelier, in dem sie seit zwei Jahren arbeitet, die schwarze Sitzfigur eines Hockenden. Er ist mit der Motorsäge geschnitzt und wurde anschließend schwarz geflämmt, er scheint den sonnigen Atelierraum und die Arbeit von Inken Töpffer zu bewachen.
Körper- und Bewegungsstudien sind die zahlreichen Gipsbeton- und Folien-Figuren. Pykniker und Leptosome aus Müllsäcken mit Drahtskelett, deren Folienhaut mit der Fönpistole gehärtet und genarbt wird. Besonderheit: Wasser und Wein in Folie eingeschweißt wird bei Töpffer zur Skulptur, klingt unglaublich, das Ergebnis ist verblüffend. Gütesiegel für alle Arbeiten in Atelier Nr. 2: Man will sie alle haptisch erfahren, anfassen, betasten, fühlen – und wenn das erreicht ist, hat auch die Kunst ihr Ziel nicht verfehlt.
Nur noch bis August bleibt der Grafiker, Maler und Bühnenbildner Peter Engel im Andreasstadel, nach fünf Jahren räumt er sein Atelier. Von seinen vielen Partien, die er im künstlerischen und kreativen Sinne verkörpert, nimmt die Vaterrolle immer weiteren Raum ein. Skizzenhafte und karikaturengleiche Zeichnungen zieren die Wände, Versatzstücke von seinen zahlreichen Ausstellungen stehen im Raum, Bücher, Bohrmaschine, Werkzeug – hier wird mit Leidenschaft gearbeitet! Das Thema Raum und Raumerfassung und –gestaltung ist ein zentrales in Engels Schaffen, die Neugestaltung des Akademiesalons mit Kneipe, Kino und Salon wäre ohne Engels Tatkraft nicht in der Windeseile über die Bühne gegangen. Da Peter Engel fraglos dem Regensburger Kunstleben wichtige Akzente gesetzt und Impulse gegeben hat, ist sein Auszug aus einem Förder-Atelier (für die Kunstwelt) zu verschmerzen, neue Anregung möge ein neues Ambiente dem sympathischen Künstler geben!
Der junge Künstler Martin Scherm kann bereits auf zahlreiche Ausstellungen verweisen – u.a. sind derzeit zwei seiner Arbeiten in „Der katholische Faktor“ zu sehen – und er hat mit seiner bevorzugten Arbeitsweise, Photoshop-Bearbeitungen von Bildern und Übermalungen und großformatig auf Planen gedruckt, so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal für sich und seine Kunst geschaffen. Seit vergangenem August arbeitet der junge Künstler im Andreasstadel, „irgendwie hat es sich durch die Arbeit am Zyklus Saints ergeben, dass die Inszenierung von Kunst, das Präsentieren und Repräsentieren ein momentan bestimmendes Moment“ in seinem Schaffen wurde. Modern, trendy – ohne Anbiederung an den Zeitgeist und gefragte und teuer bezahlte Tendenzen – ist Scherms Œuvre eine eigene und eigenwillige Handschrift anzusehen, die keine Kompromisse eingeht, sich aber mit Augenzwinkern dem ikonografisch Belesenen förmlich aufdrängt. Frisch, urban, hitverdächtig! Unbedingt anklicken: www.martinscherm.de
Verehrte Leserin! Sollten Sie je zu einem Pferderennen nach Ascot eingeladen werden, statten Sie vorher unbedingt „Lilo“ einen Besuch ab! Sie wir Ihnen eine Hutkreation zaubern, die sie auf alle Titelseite aller Zeitungen katapultiert. – Nun ja, es geht hier nicht um Show und Schau – hier wird das Handwerk einer Modistin in Vollendung ausgeübt und gepflegt. Kunst, Handwerk und Kunsthandwerk geben sich im Atelier von Lilo die Hand. Wobei eine gehörige Portion Extravaganz vielleicht den Aspekt „Kunst“ in den Vordergrund schiebt und die Anwesenheit einer „Handwerkerin“ in einem Künstlerhaus rechtfertigt. Schwer auszumachen, was wichtiger ist, das Können, die Technik oder die Fantasie. Hier wird der Beweis erbracht, dass beides zu gleichen Teilen, dass beides zu 100 Prozent vonnöten ist, ein überzeugendes „Endergebnis“ zu liefern. Nicht nur Hüte gilt es in Lilos Atelier zu finden, zu entdecken – originelle Accessoires, wie das „Aufbrez’lt-Set“ (Puffärmel, Kropfband und Kopftuch) für Wiesn- oder Dultbesuche, bereichern das textil-dominierte Atelier der jungen Kreativen, die sich bereits überregional einen Namen gemacht hat.
Dezent klingt Barockmusik aus Atelier Nr. 11. Sabine Schneider zeigt aktuell Musik-Bilder, eine Instrumentensammlung, virtuos hingewischt, mit Schwung und Verve. Violinschnecken, Blasinstrumente, Violen und Violinen. „Ich stelle fest, dass ich immer weiter in die Abstrahierung getrieben werde“, sagt die junge Grafikerin, die neben Philosophie, Musik- und Theaterwissenschaften in Linz das Studium der Visuellen Mediengestaltung abgeschlossen hat. In Kreisform schwingenden Flügel-Hammer verlassen ihre lineare Anordnung und versammeln sich im Kreis, als wollten Sie alle gleichzeitig auf eine Pauke einhämmern. Super-Slowmotion. Töne und Klang werden Bild. Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin an der Akademie Regensburg hat Sabine Schneider einen Lehrauftrag am Institut für Medien in Linz, wo sie dem Nachwuchs „Typografie“ näher bringt.
Vorwiegend für bereits ausgestattete Räume malt Heike Weiß ihre zumeist floral-grafischen Bilder. Dabei orientiert sich die Künstlerin am Stil der Wohnungen oder Büros, für die ihre Auftragsarbeiten entstehen. Oberstes Ziel ist, die Wirkung des Raums optimal zu unterstreichen und einen Höhepunkt mit Farbe und Dekor zu setzen. Farben beeinflussen (be-stimmen!) die Stimmung, davon ist Heike Weiß überzeugt. Farbliche und motivische Harmonie zu erzielen, ist ihr Anspruch. Daneben entstehen in dem Atelier (kein Förder-Atelier!), das sich die jungen Künstlerin mit einer Bühnen- und Kostümbildnerin teil, Objekte, Linoldrucke, Radierungen,. Aktzeichnungen und Dekorationen für festliche Anlässe. Ihr Handwerk hat Heike Weiß an der Akademie im Andreasstadel vervollkommnet, „beim Aktzeichnen kann man nicht mogeln, ein Ellbogen stimmt entweder proportional oder er stimmt eben nicht, bei Landschaftsbilden kann man lügen, Aktzeichnen ist die Basis für alles bildnerische Gestalten.“
Foto-Grafiker Manfred Neman residiert seit zwei Jahren im Atelierhaus und hat ein eigenes Verfahren entwickelt, digitale Bildaufnahmen analog weiterzuverarbeiten. Das Ergebnis wirkt wie eine Kreuzung von Malerei und Fotografie. (Alp-)Traumhafte Wesen und Gewächse wuchern an den Atelierwänden, Kreuzungen aus Wissenschaftlichem und Sinnlichem, Mystischem. Digitaldesign auf Analogfotopapier. „Heranziehen der originalen Quellen der historischen Erscheinungsformen der analogischen Selbstangleichung an die Struktur der Materie: Verinnerlichung der Quellen, Nachvollziehen und Wiedergabe ihrer Methodiken als Leitprinzip der künstlerischen Arbeit, also Hinterlassen oder Fälschen visueller und textlich-imaginativer Relikte eines Transmutationsprozesses“, bezeichnet Neman seine künstlerische Arbeitsweisen. Design, Webgrafik, „sonst nix Besonderes“ untertreibt der originelle Künstler, sein Tätigkeitsfeld beschreibend.
Fotodesigner Johannes Paffrath ist als Lehrkraft ein gefragter Mann. FH Nürnberg, Akademie Regensburg, VHS Regensburg und Workshops in seinem Andreasstadel-Atelier dokumentieren, dass er vielen das Sehen mit der Kamera beibringt. Sich satt sehen sollen sich Paffraths Kursteilnehmer, bevor sie daran gehen, alle gängigen Aufnahmesituationen und die entsprechenden Kameraeinstellungen kennen zu lernen und experimentell nachzuempfinden. Anhand ausgewählter Bildbeispielen macht er Appetit auf die theoretischen und praktischen Aspekte der jeweiligen Thematik. Schwerpunkte liegen neben der intensiven Auseinandersetzung mit der Fototechnik vor allem auf Bildkomposition und Konzeption: „Denn man kommt leichter ans Ziel, wenn man weiß, wo man hin will.“ Die Arbeit mit Licht, analoge und digitale Aufnahmepraxis sowie Gespräche über Konzeption und Ausarbeitungserfolge runden das Programm ab, das neben fachlicher Kompetenz vor allem die notwendige Sensibilität vermitteln soll, sich ein Bild zu machen.
(Text und Fotos: Peter Lang)
27.04.09 - peter lang
