Exzellenz und Exzellenzen
Nicht weiß-blau zeigte sich Bayerns Kulturseite am 30. Oktober, sondern rot-weiß. Nun ist es aber nicht so, dass plötzlich die fränkischen Stämme das Szepter im Freistaat übernommen hätten, nein Energieversorger E.ON hatte zur jährlichen Gala geladen, zur Verleihung des Kulturpreises Bayern. Und da überwog letztlich auch die Farbe rot – um genau zu sein: 18,75 Quadratmeter der Hausfarbe des Gas- und Stromversorgers mit Stammsitz in Regensburg. So groß war nämlich eine der Projektionsflächen, auf die während der Preisverleihung mal Ankündigungen, mal Porträts der Preisträger oder auch mal das Konterfei des abwesenden Laudators Franz Xaver Bogner geworfen wurden. Mitunter auch so kryptische Sätze wie, „IMAT with dMLCs – Modeling, Analysis, Optimization“, der das Thema der Diplomarbeit des Regensburger Mathematikers Wolfgang Högele umschreibt.

Politik und Promis, Kreative und kluge Köpfe hatten sich in Passaus Dreiländerhalle eingefunden, um „Bayerns Beste“ zu ehren: die Besten des Abschlussjahrgangs aller bayerischen Fachhochschulen (Neudeutsch: Hochschulen für angewandte Wissenschaft), die besten Doktoranden, die hoffnungsvollsten Talente der Kunst- und Musikhochschulen und aus jedem Regierungsbezirk ein kreativer Kopf, der für besondere Leistungen steht. „Geistesblitz“ wird nicht umsonst der „E.ON-Oscar“ genannt, die Bronze-Statuette, die jede/r Geehrte/r für Herausragendes von seinen Laudatoren in Empfang nehmen durfte. Allein die Liste der Laudatoren liest sich wie ein Who-is-Who bayerischer Elite: Herbert H. Schultes und Christoph Böninger (Design), Franz Xaver Bogner (Regisseur, Autor und per Video zugespielt),
Nobelpreisträger Erwin Neher, Kabarettist Michael Altinger und – er kam etwas verspätet und leicht gebeugt – Thomas Goppel, der tags zuvor noch als Kultusminister gehandelte, nun nicht mehr Staatsminister, der den Sonderpreis an den von ihm selbst erkorenen Klaus Doldinger überreichte.
Die „Show“, denn eine solche war es unzweifelhaft und keine hehre und steife Reden-Veranstaltung, war von den E.ON-Zeremonienmeistern abwechslungsreich ausgetüftelt, wenige Programmpunkte aus dem Bereich der E-Musik (Brass Unlimited, Katerina Hebelkova) kontrastierten – vielleicht eine Idee zu harsch – die ansonsten aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik gespeiste Gala samt Dinner. Dellhau’n, eine Musical-Einlage des Landestheater Niederbayern, Claudia Koreck und Band, CR Jazz4tett. Das Dinner (u.a. Kürbiskeröl-Mousse, Edel-Dorsch mit Zuckerschoten und Kartoffelplätzchen, rosa gebratene Entenbrust mit Feigenconfit…) stellte selbst verwöhnteste Gaumen zufrieden. Angesichts der Tatsache, dass 520 Personen zu verköstigen waren, eine logistische Meisterleistung des Küchenteams aus Erlangen.
Ein Pralinee für sich war Sabrina Staubitz, die nonchalant durch den Abend führte. In E.ON-Rot gewandet und auf atemberaubenden High-heels blieb sie stets souverän, mitunter kokettierte sie ein bisschen mit ihren mangelnden Bayerisch- und Wissenschaftssprachkenntnissen, was bei diesen Diplom- und Doktorarbeitstitel immer mit Applaus honoriert wurde.
Stets mit auf der Bühne: Sabine Vossenkaul aus Regensburg, studierendes Model, sie machte als unermüdliche Trophäen-Überreicherin eine glänzende Figur. Kleiner Wermutstropfen: Die Location, die von den Passauern hassgeliebte Dreiländerhalle, war zwar von den Dimensionen her geeignet, dem Event Rahmen zu sein, es fehlten jedoch Flair, Atmosphäre und Stil, auch wenn Light- und Stage-Designer alles taten, dem Zweckbau Charme einzuhauchen.
Egal – ein Fest der Kunst und Kultur war der Abend dennoch, wieder einmal dokumentierte er die Vielschichtigkeit und Bandbreite kulturellen Schaffens, was in den Disziplinen der sieben Haupt-Preisträger deutlich wurde. Für Mittelfranken erhielt der Maler Werner Knaupp die Auszeichnung, er ist emeritierter Professor der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. In seinen Arbeiten setzt er sich bildnerisch mit sozial Ausgegrenzten auseinander. Der Regierungsbezirk Niederbayern wurde im Heinrich-Schütz-Ensemble geehrt. Sängerinnen und Sänger, die gleichermaßen gekonnt vorgetragener Kunst- und Volksmusik ein breites Publikum erobern und überregional Beachtung finden. Von allen Künsten müsse die Architektur die menschlichste sein, sagten schon die alten Griechen, mit dem E.ON-Geistesblitz und einem Preisgeld von 10.000 Euro gingen die „Fischer Architekten“ für Oberbayern in den Tempel der Preisgekrönten ein. „Reduced to the maximum“ könnte man die Philosophie des geehrten Teams bezeichnen, die u.a. das Alf-Lechner-Museum in Ingolstadt entworfen haben.
Der Schriftsteller Nevfel Cumart aus Oberfranken zählt zu den produktivsten Lyrikern der jüngeren Generation in Deutschland. In seinen Gedichten schlägt er eine Brücke zwischen Menschen verschiedener Kulturen, sein Werk ist würdig des Kulturpreises. Der Leiter des Amberger Luftmuseums Wilhelm Koch trat als Vertreter der Oberpfalz auf die Bühne und nahm die Würdigung für seine ironischen und unprätentiösen Kunstaktionen entgegen. Den Schwaben Leo Hiemer muss man nicht groß vorstellen, seine Filme „Daheim sterben die Leut' und „Leni“ sprechen für sich – und für ihn! Obwohl Wiener von Geburt, fühlt Veit Relin – der Ex von Maria Schell – sich ganz als Unterfranke. Er hat die Theaterlandschaft Mainfrankens mit seinem Torturmtheater entscheidend geprägt. Seine verdienstvolle und langjährige Arbeit in der Region wurde bereits mit dem Bayerischen Verdienstorden gewürdigt.
Applaus, Applaus – eine glamouröse Show, viel Kreativ-Potenzial wurde zu Recht gefeiert, im Mittelpunkt standen Leute, die in der Tat Großes geleistet haben, hoffnungsvolle Hochschulabsolventen, verdiente „alte Hasen“ und die Kultur. Kreativwirtschaft und Energieriese Hand in Hand, ein symbolträchtiges Bild. Ein Wermutstropfen vielleicht: Die beiden Schirmherren Vorstandsvorsitzender der E.ON Bayern AG Dr. Peter Deml und Ex-Wissenschaftsminister Dr. Thomas Goppel wird man bei der nächsten Preisverleihung nicht mehr auf der Bühne sehen.
(Peter Lang, Michael Kroll
Foto: Gruppenfoto, altrofoto.de
Sabrina Staubitz mit Prof. Dr. Erwin Neher, Kroll
Sabrina Vossenkaul mit Gedankenblitzen, Kroll
Sabrina Staubitz mit Sebastian Giussani, Kroll
Sabrina Staubitz mit Dr. Peter Deml, Kroll)
3.11.08 - online redaktion
