Ein Ja ist ein Ja …
„Ein Ja ist ein Ja und ein Nein ist ein Nein, alles andere ist von Übel“; so zitierte Pater Friedhelm Mennekes gegenüber Kulturjournal Regensburg aus dem Brief des Jakobus (Neues Testament, 5., 12). Er charakterisierte damit die von ihm eröffnete Ausstellung „Der katholische Faktor“, die seit 4. April im Historischen Museum Minoritenkirche und der Städtischen Galerie in Regensburg zu sehen ist. Stellung beziehen und Haltung zeigen, das sei das Wesen der Kunst und gerade in einer Zeit der zunehmenden Nivellierung so nötig wie noch nie, so der Jesuiten-Pater, der unter anderem an der Universität Bonn und der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig lehrt.
Ihre Haltung zeigen die Werke von 71 Künstlern (u.a. Joseph Beuys, Tadeusz Kantor, Herrmann Nitsch) aus Polen und Deutschland deutlich – zum Teil drastisch, auch wenn Pater Mennekes in der Ausstellung keine Auseinandersetzung mit oder gar eine Provokation der Kirche sehen will. Seine Formulierung „die Kunst ist hier um den religiösen Aspekt bereichert worden“ ist zu schwach, denn beim „katholischen Faktor“ sind Kirche, Glaube und Religion das zentrale Thema und einzelne Aspekte werden auf eindrucksvolle Weise kritisiert.
So etwa durch Christian Schnurers „Nebeltopf“, einer umgebauten Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die Weihrauch speiend durch das Kirchenschiff pendelt. Ein Hinweis auf die Kriege, die im Namen Gottes geführt wurden und werden, der Hinweis darauf, dass Waffen von Priestern geweiht werden. Eine gelungene Provokation schon deshalb, weil nur der Heilige Krieg der anderen gegeißelt wird, eine notwendige Provokation auch deshalb, weil sich Deutschland 70 Jahre nach dem Überfall auf Polen schon wieder im Krieg befindet, denn in Afghanistan wird nicht nur „bewaffnete Entwicklungshilfe“ geleistet.
Kritik wird aber auch am Umgang mit der Religion geübt, so etwa im Werk von Beate Engl „Fanfare“: Die Instrumentalisierung der Religion, verdeutlicht durch den Zusammenschnitt von Reden amerikanischer Präsidenten von 1941 (Roosevelt) bis heute (Obama). George W. Bush (13.12.2000): „I have faith that with God’s help we as a nation will move forward together as one nation, indivisible. An together we will create an America that is open, so every citizen has access to the American dream.“
Die Ausstellung besticht durch ihre Inszenierung von großen plakativen Werken wie Schnurers Nebeltopf und der „Box von Jericho“ (Benjamin Bergmann) mit Miniaturen wie Gisberth Stachs „Transformation“ oder „32 Wochen“ von Lorena Herrera Raschid. „Ja und Nein“, „ein und aus“ sind die Kennzeichen der digitalen Welt – „schwarz und weiß“, „entweder oder“ hätte man vor der Erfindung des personal computer gesagt. In Stachs Transformation sehen wir auf dem Bildschirm eines iPods (der wunderbar frei schwebend am Eingang gehängt ist) ein organisches Kreuz sich bilden. Übergänge, Wahrscheinlichkeiten und Mehrheiten sind eben heute bestimmender als das klare Ja und das eindeutige Nein. Kirchen wie auch Parteien sind davon betroffen, wenn sie die Zahlen von Neumitgliedschaften und Austritten vergleichen.
Für die gelungene Schau sind die Kuratoren Maciej Czapski, der in München lebende Pole und der Oberpfälzer Christian Schnurer zuständig. Gelungen die Platzierung von Raschids nur etwa 30 Zentimeter großen Schnitzerei, die Josef und Maria darstellt. Sie ist mitten im Raum auf die „Gloriole“ von Martin Schmid hin positioniert. Die problematischen Glaubensfragen wie Sexualität, Empfängnis, Dreieinigkeit verdichten sich hier in der Wölbung, die Maria unter dem Herzen trägt.
Beeindruckend und für viele Besucher geradezu ein Magnet: Simon Schuberts begehbarer Beichtstuhl mit dem Titel „Monode“. Von außen wie ein exklusiver Sarg anmutend lädt er den Betrachter zum Eintreten. Im exklusiven Lederinterieur ist der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, das Ich mit seinem Spiegelbild konfrontiert – Beichtvater überflüssig, „Erkenne dich selbst“. Für Pater Mennekes ist die Kirche ein „Hort der Freiheit“, das mag für das kommunistische Polen mehr gegolten haben als für das konsumorientierte Nachkriegsdeutschland. Mennekes sieht es als außerordentlich wichtig an, dass Fragen gestellt werden, dass die Suche des Ich nicht aufhört. Er wünscht sich eine offene Kirche, eine Kirche des Diskurses. In den Künstlern, wie auch in den Kirchenleuten sieht er „Anwälte des Ich“, wobei er unter Individualisierung nicht eine hemmungslose Ichsucht, sondern die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Standortbestimmung und die Akzeptanz des Einmalig- und Anderssein versteht. Schuberts „Monode“ konfrontiert mit dem Ja und dem Nein, fordert die Antwort und lässt ansonsten nur die Flucht zu.
„Der katholische Faktor“ fordert ebenso zu Fragen und Antworten auf. Fragen, die jeder an sich selbst stellt, an die Gesellschaft, an die Kirche. Aber auch zu Fragen der sich die Kirche stellen muss, will sie Antworten oder Anweisungen geben. „Der katholische Faktor“ geht deutlich über seinen Untertitel „in der zeitgenössischen Kunst“ hinaus, denn die katholische Kirche dominiert die Kunst- und Kulturentwicklung Europas, auch wenn sie von den beiden anderen abrahamitischen Religionen mitgeprägt wurde. Von daher muss man auch Arno Schmidt widersprechen, dessen fotografisches Werk derzeit im Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu sehen ist. Wer sich durch Schmidts Bilder zur Lektüre der „Umsiedler“ anregen lässt, kann dort folgendes nachlesen: „Christlich-Abendländische Kultur ! ?“ Wenns Denen nach gegangen wäre, hielten wir heute noch die Erde für ne Scheibe mit Rom oder Jerusalem in der Mitte : aus Kant und Schopenhauer hätten sie n Scheiterhaufen gemacht, tüchtig Goethe und Wieland druff, und mit Darwin und Nietzsche angezündet ! „Neenee, Katrin : Christentum hat mit Kultur nischt zu tun !“
Der katholische Faktor
Städtische Galerie „Leerer Beutel“
Bertoldstr. 9, 93047 Regensburg
Historisches Museum, Minoritenkirche
Dachauplatz 2 - 4, 93047 Regensburg
Dienstag bis Sonntag: 10.00 bis 16.00 Uhr
Minoritenkirche Donnerstag bis 20.00 Uhr
www.der-katholische-faktor.de
(Fotos oben: C. Schnurer "Nebeltopf", G. Stach "Transformation" - beide Veranstalter, L. H. Raschid "32 Wochen" - M. Kroll )
5.04.09 - michael kroll
