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Ein Gastland zu Gast

Gut sechs Wochen lang wird in Regensburg die kroatische Kunst und Kultur im Mittelpunkt stehen. Das donumenta-Festival stellt Künstler und Projekte aus den verschiedensten Sparten vor und sorgt mit Workshops und Vorträgen für das satzungsgemäße Ziel des donumenta e.V.: die Völkerverständigung. Wer also Kroatien bislang nur als Urlaubsland oder Fußballnation kannte, hat von 26. September bis 6. November Zeit seinen Horizont zu erweitern.

 Anders als die übrigen osteuropäischen Gastländer der donumenta, wie Bulgarien, Moldawien oder Rumänien, anders aber auch als die anderen ex-jugoslawischen Staaten, ist uns Kroatien vertraut. Beinahe jeder war dort schon einmal im Urlaub. Die touristische Tradition Kroatiens reicht lange in die Vergangenheit zurück. Schon zu kommunistischen Zeiten reisten unzählige westliche Besucher in das mediterrane Land an der Adria. Bereits im 19. Jahrhundert war Kroatien beliebtes Reiseziel für die Oberschicht des k. u. k. Reiches. Die ersten Assoziationen, die uns zu Kroatien in den Sinn kommen: Sonne, Strand, azurblaues Wasser. Doch Kroatien bietet mehr. Die donumenta – Kroatien 2008 präsentiert vom 26. September bis zum 6. November die zeitgenössische Kunst-, Theater-, Tanz-, Literatur- und Musikszene Kroatiens. Daneben gibt es zahlreiche Vorträge, die dem Klischee des Mittelmeerlandes viele neue Aspekte hinzufügen.

Kompromisslos kuratiert
Schwerpunkt und Kernstück der donumenta ist nicht zuletzt, weil die Initiatorin des Festivals selbst bildende Künstlerin ist, die Kunst. Wie auch schon in den letzten Jahren konnte die donumenta auch heuer eine international renommierte Kuratorin gewinnen: Janka Vukmir aus Zagreb, die sich mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland einen Namen als konzeptionell arbeitende und nicht gerade zu Kompromissen neigende Kunstvermittlerin gemacht hat. Die Ausstellung in den Räumen der Städtischen Galerie Leerer Beutel ist um das Werk Dalibor Martinis, dem wohl einflussreichsten Künstler Kroatiens, herum konzipiert. Gezeigt werden mehrere seiner Videoarbeiten, in denen er sich vorrangig mit politischen Themen wie dem Sprachgebrauch der politischen und wirtschaftlichen Elite, aber auch mit dem Gegenstück, mit sprachloser Wut auseinandersetzt.

 Akt babylonischer Sprachverwirrung
Eine Arbeit Martinis ist es auch, die dieses Jahr als Theaterstück im Rahmen der donumenta aufgeführt wird: seine Performance „Simultaneous Speech“ (4. November um 20 Uhr im Theater an der Universität). Hier hält ein kroatischer Politiker eine Ansprache. Die 12 ihm an die Seite gestellten Simultanübersetzer tragen aber nicht seine Rede vor, sondern Übersetzungen geistesgeschichtlich einflussreicher Texte von Lenin, Ghandi, Martin Luther King, Andy Warhol und vielen anderen. Ein beeindruckender Akt babylonischer Sprachverwirrung.

Viele andere interessante Künstler sind neben Dalibor Martinis auf der donumenta vertreten. Dabei ist beachtlich, wie viele von ihnen ebenfalls konzeptionell arbeiten. Die Werke sind zum Teil explizit politisch. Wenn etwa Andreja Kulunčić in Österreich per Postwurfsendung nach Österreicherinnen, möglichst mit Matura, sucht, die bereit sind, sich in der Sexindustrie ausbeuten zu lassen, dann ist das eine bittere Anspielung auf den Alltag vieler junger Kroatinnen. Zum Teil thematisieren die Kunstwerke das alltägliche Leben in Kroatien selbst. Igor Kuduz lichtet seine Freunde in seiner sehr persönlichen Fotoserie „Welcome Goodbye“ in fototagebuchartiger Manier ab und gewährt beinahe voyeuristische Einblicke.

Viele junge Künstler drücken sich mit dem klassischen Medium der Malerei aus, darunter die junge Kroatin Tina Gverovićs, die wunderbar fragile, monochrome Zeichnungen und Gemälde schafft, auf denen zum Teil alltägliche Situationen ästhetisch unscharf, zum Teil surreale Arrangements abgebildet sind. Eines ist allen Künstlern gemein: Ihre Arbeiten stehen auf ungewöhnlich hohem Niveau.

 Tanz: außergewöhnliche Positionen
Gleiches lässt sich auch von der Tanzcompany BADco. aus Zagreb sagen. Der diesjährige Beitrag auf der donumenta in Sachen Tanztheater. BADco. ist eine von zahlreichen unabhängigen Kompanien Kroatiens, die auch deshalb so aktiv sind, weil Tanztheater in der offiziellen Kultur des Adriastaates nicht gerade groß und wichtig ist. Mit „Solo me“ und „2“, den beiden Stücken, die in Regensburg aufgeführt werden (2. November um 20 Uhr im Theater an der Universität), vertritt BADco. eine extreme Position in der Tanzszene. Es handelt sich dabei um spartanische Stücke, die nichts „erzählen“ wollen, die lediglich den Tanz selbst, das Zusammenspiel von Bewegung und Musik, zum Thema haben. Das Erstaunliche an BADco. ist aber, dass dies keineswegs spröde oder elitär anmutet, dass es die Kroaten vielmehr schaffen, auch Nicht-Eingeweihte mit ihrer Kunst anzusprechen.

 Instrumentale Inspiration
Dieses Ziel, Insider zu überzeugen und Neugierige mitzunehmen könnte das Motto der beiden Jazz-Combos sein, die bei der diesjährigen donumenta auftreten. Die kroatische Jazz-Szene ist nicht gerade für ihre Experimentierfreude bekannt – dafür brachte sie etliche Musiker hervor, die ihr Instrument so gut zu spielen wissen, wie sonst nur wenige. Etwa der Saxophonist Alberto Josipović, der am 7. Oktober um 20 Uhr im Jazz Club Leerer Beutel mit seinen All Stars auftreten wird. Josipović ist ein Freund des Swing, schwingt sich aber auch ganz mühelos hinüber zu brasilianischen Klängen und schafft es sogar, traditionelle Weisen seiner Heimat in sein kunstvolles Spiel mit ein zu weben. Am 30. Oktober (wieder um 20.30 Uhr im „Leeren Beutel“) tritt dann das legendäre Donna Lee Sax4 Quartett auf, das aus Angehörigen des kroatischen Armee-Blasorchesters besteht. Auch Donna Lee Sax4 erfinden den Jazz nicht neu. Sie schaffen es mit ihrer Kombination aus Eigenkompositionen und Standards, Kenner und Jazzneulinge gleichermaßen in ihren Bann zu ziehen.

 „Was ist ein Mann ohne Schnurrbart?“
Viel zu entdecken gibt es bei dem kroatischen Kino-Programm, das vom 15. bis zum 21. Oktober 2008 in Kooperation mit dem AKF in der Filmgalerie im Leeren Beutel stattfinden wird. Die kroatische Filmszene ist gerade erst im Entstehen begriffen – noch steht die internationale Anerkennung durch Festivalpreise aus. Nichtsdestotrotz entwickelten kroatische Regisseure in den letzten 10 Jahren eine eigene Erzähltradition, die sich vornehmlich den „kleinen Geschichten“ widmet. Etwa wenn in „Armin“ (2006) von Ognjen Sviličić einfühlsam von der Beziehung eines Vaters zu seinem Sohn erzählt wird oder wenn in „Was ist ein Mann ohne Schnurrbart?“ (2005) von Hrvoje Hribar das träge, bitter-süße Landleben in einem dalmatinischen Dorf gezeichnet wird. Natürlich widmet sich das Kino auch dem großen Trauma des Landes, dem Bürgerkrieg. Das geschieht in „Wie der Krieg auf meine Insel kam“ (1996) von Vinko Brešan auf humoristische, wenn auch nicht verharmlosende Weise.

Realität wirft Schatten
Die kroatische Literaturszene ist derart ausdifferenziert, dass es unmöglich wäre, sie auf einen Nenner zu bringen. Dementsprechend vielfältig ist auch das auf der donumenta 2008 vertretene Programm. Beim großen Lesungsabend am 18. Oktober um 19 Uhr in der Lesehalle Stadtbücherei am Haidplatz treten mit Edo Popović, Ivana Sajko und Marco Pogačar drei Autoren auf, die sich mit unterschiedlichen Mitteln mit der Gegenwart beschäftigen. Edo Popović, in seinem Land Bestseller-Autor, schickt seinen resignierten Anti-Helden Ivan Kalda in die alltäglichen Katastrophen, die das Leben bereithält. Ivana Sajko hat mit „Rio Bar“ das bedrückende Portrait einer traumatisierten Kriegswitwe geschrieben und Ivo Pogačar verfasst Gedichte, die das Lebensgefühl der jungen, skeptischen Generation Kroatiens auf den Punkt bringen.

Am 5. November findet am gleichen Ort um 19 Uhr eine Lesung mit Marica Bodrožić statt, die mit ihrem bei Suhrkamp erschienen poetischen Prosaband „Sterne erben, Sterne färben“ für Aufsehen gesorgt hat.

 Über Politik und Geschichte reden
Anschließend an ihre Lesung nimmt Marica Bodrožić an der Podiumsdiskussion mit Enver Robelli, dem Südosteuropa-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Dr. Rainer Stinner, dem Südosteuropabeauftragte der FDP im Deutschen Bundestag und dem Historiker Prof. Dr. Ludwig Steindorff teil. Debattiert wird über die heikle Frage, inwieweit die EU bereit für Kroatien beziehungsweise, wie reif Kroatien für die EU ist. Geleitet wird die Gesprächsrunde von Dr. Konrad Clewing vom Regensburger Südost-Institut, das alle Vorträge der diesjährigen donumenta in Kooperation veranstaltet. Die Diskussionsrunde ist die letzte in einer Reihe von Veranstaltungen, mit denen im Rahmen der donumenta die politische und kulturelle Lage des Landes ausgelotet wird.

Vortrag: eine Gesellschaft im Umbruch
Der gewaltsame Wandel zum kroatischen Nationalstaat steht im Mittelpunkt des Vortrags, den der Grazer Historiker und Kulturanthropologe Prof. Dr. Hannes Grandits am 30. Oktober um 18 Uhr im Südost-Institut im Wissenschaftszentrum in der Landshuterstraße 4 halten wird. Dabei ist es nicht nur der Krieg, der im Land als turbulenter und schmerzlicher Umbruch – freilich aber auch als Emanzipation – empfunden wurde. Wenn Professor Grandits seinen Vortrag „eine Gesellschaft im Umbruch“ nennt, dann meint er damit auch den Wandel von der kommunistischen Planwirtschaft hin zur kapitalistischen Marktwirtschaft, der im Land keineswegs als unproblematisch empfunden wird. Die donumenta ist auch in diesem Jahr wieder ein in sechs Wochen komprimierter Kompaktkurs, mit dem man Kunst, Kultur und Alltagsrealität in einem Land kennen lernen kann, das uns nur oberflächlich vertraut ist – und in dem es viel mehr zu entdecken gibt als blaues Meer und gegrillte Ćevapčići.

(Text: Paul-Philipp Hanske
Fotos1: Marco Ercegovic, Davor Antolić Antas “Last Days of Disco”
alle Fotos aus "donumenta 2008 Kroatien")

Links: www.donumenta.de (Homepage)
Katalog (Pdf-Datei)

 

 

10.09.08 - online redaktion

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