„Die Höll’ ist kalt“
Die Gleichung „sozial ist, was Arbeit schafft“ nehmen allenfalls noch Provinzrepräsentanten und Hinterbänkler in den Mund, sie ist falsch und hatte zu keinem Zeitpunkt ihre Richtigkeit. Auf die unwiderlegbare These „sozial ist, was die Umwelt schützt und Ressourcen schont“ will sich aber die Politik, die große nicht und nicht die lokale, einigen. Dabei sind die Auswirkungen von Raubbau, ungehemmtem Fortschrittsglauben und blinder Technologiegläubigkeit signifikant. Von Menschen hervorgerufene Katastrophen (Tschnernobyl, Hurrikan Katrina, Grünenthal-Skandal Contergan…) treffen mit voller Wucht nur die unteren Ränder der Gesellschaft. Vor diese Folie nun Georg Büchners Sozialdrama „Woyzeck“ gesetzt, diese realen Schreckensszenarien mit Alban Bergs Oper „Wozzeck“ überblendet, das ist – verkürzt gesagt – Ansatz der Interpretation von Olaf Schmidt.
Der Ballettchef des Theaters Regensburg liefert mit Alban Bergs Musikdrama seine erste Opernregie ab, eine schlüssige Deutung, eine ästhetische Visualisierung, ein gültiger Transfer der Partitur auf die Szene. Seinem Konzept adäquat ist eine eindringliche Personenführung, die seine szenische Intelligenz – im Tanztheater hat er sie oft gezeigt – in der Führung eines Sänger-Ensembles unterstreicht. Glücksfall: Schmidt inszeniert nicht nur – wie das leider sonst so häufig gemacht wird – das Libretto, vom Tanz kommend, erweist sich seine Regiearbeit als eine höchst musikalische.
Mehr als vertanzte Oper
Wer glaubt, die Mitglieder der Compagnie würden an der Rampe singende Solisten doubeln und das Gesungene pantomimisch doppeln, wie das oft passiert, wenn Choreografen Oper machen, sieht sich getäuscht. Der Tanz dient in Schmidts Regie nicht der Illustrierung. Allenfalls ergänzend, ist er immer zwingend ins Konzept eingebunden und anatomisch der Aufführung zugehörig. Olaf Schmidt zur Seite steht ein großartiges Team. Die aufs Feinste ausgeklügelte Ausstattung von Karin Fritz ist mehr als nur Design, sie ist sinnfällig, ordnet sich den szenischen Notwendigkeiten wie selbstverständlich unter, bestimmt zugleich Geschehen, ist Form und Inhalt – und überdies schön! Zeit-Tunnel, Räderwerk, Laboratorium, Mond – Puzzle-Teile, immer wieder neu zusammengefügt, ergeben ein lebendiges Szenenbild von berückender optischer Wirkung. Spacig die Kostüme aus synthetischen Fasern, ein aseptisches Umfeld zeitigt Wirkung auf die, die darin vegetieren. Nur wenn die „Natur kommt“, kommt Farbe ins Spiel, Organisches, etwa im Karohemd Wozzecks und signalhaft im Rot von Maries Kleid. Die Natur als Kostbarkeit – als Beet in der ersten Szene mit dem Hauptmann, als Bett für das „Kind ohne den Segen der Kirche“, als Familien-Wohnlandschaft in der Schluss-Utopie – Natur ist das Gefährdete: Was Doktor und Hauptmann an Wozzeck verurteilen, zeigt sich als Kostbarkeit. Der Lichtgestaltung von Hubert Goertz gebührt Sonderlob! Nie flüchtet sie in rein äußerliche Effekte, sie ist mehr als nur Beleuchtung, sie trägt wesentlich zur Intensität dieser Wozzeck-Inszenierung bei.
Die musikalische Seite
Die Kongruenz Szene – Ausstattung wiederholt sich im Wechselspiel Bühne – Orchester. GMD Raoul Grüneis trägt Solisten und Instrumentalisten förmlich auf Händen, gelegentliche Divergenzen trügen den positiven Gesamteindruck kaum. Große Klangentfaltung bei größtmöglicher Präzision wird demonstriert, Grüneis ergeht sich nicht in musikwissenschaftlichen Analysen – ein häufiger Fehler, werden 12-Töner interpretiert! Aus dem Graben kommt Opernmusik, ruppig der Klang oder wehmütig schmelzend, was immer die Szene verlangt, aber immer sauber und in der Dynamik ausgewogen wie selten.
Martin-Jan Nijhof – baritonaler Bass oder bassiger Bariton? – schafft den Spagat, eine elende Figur mit wohl geführtem Organ zu gestalten. Keine Höhenprobleme, eine schöne, warm strömende Stimme, der die nahezu unlösbare Aufgabe zufällt, einen Geschundenen zu zeichnen, der ächzen, stöhnen, schreien, schweigen will. Großartig und glaubwürdig gestaltet der sympathische Sänger seinen Part.
Grotesk und skurril gibt Michael Berner den Hauptmann als bösen Zwerg, stimmlich und darstellerisch. Mit Verve wirft sich Berner in die Rolle des durchgeknallten Clowns, ein James-Bond-Bösewicht aus den besten 60er-Jahren, fulminant, präsent, großes Kino!
Dass daneben Sung-Heon Ha als Doktor (Dr. No?) nicht zurücksteht, spricht sehr für den Sänger (und Olaf Schmidt), sängerisch verdient seine Interpretation das Prädikat „mustergültig“.
Markus Ahme überzeugt als Tambourmajor, mit gewohnter Energie wirft er sich in Rolle und Partie.
Ein guter Andres ist Jung-Hwan Choi, gut auch die beiden Handwerksburschen Seymur Karimov und Adam Kruzel. Eine schöne Studie gelingt Christian Schossig mit dem Narren.
Die kleine Rolle der Margret wertet Anna Peshes mit wohl timbriertem Mezzo und szenischer Präsenz auf.
Textverständlichkeit ist bei allen im Sängerensemble immer gegeben, nicht so beim Sorgenkind der Aufführung. Maida Hundelings Marie ist in der Höhe scharf und schrill bis zur (auch eigenen?) Schmerzgrenze, sie forciert und flüchtet in unangemessene Lautstärke. In der Mittellage von schönem Timbre, bleiben in der Bruststimme jedoch Volumen und Ausdruckskraft versagt. Ansonsten von schöner darstellerischer Präsenz, war es vielleicht gerade nicht ihr Tag, der für die Premiere angesetzt war.
Eine solide Leistung zeigt der Opernchor (Einstudierung Christoph Heil), auf das Ballett-Ensemble darf Regensburg ohnehin stolz sein. Ayumi Noblet ist Mariens Knabe, von Olaf Schmidt als Ballettfigur angelegt, personifiziert diese Figur das „Naturprodukt“, den Zentralgedanken der Schmidtschen Konzeption.
Zuletzt eine Würdigung der Bühnentechnik, die zahlreichen Verwandlungen klappen reibungslos, Bühnenarbeiter zusammen mit den Kreativen machen die rundum gelungene Produktion erlebbar und zu einem Ereignis. Schade, dass nur zehn Aufführungen angesetzt sind! Bleibt zu wünschen, dass Regensburg diesen „Wozzeck“ annimmt und erkennt. Die paar Buh-Rufe von Ignoranten für das Regieteam sollte man einfach ignorieren.
21.12.08 - peter lang
