Bruch der Illusionen
REGENSBURG. „Sie haben die créme de la créme der kroatischen Literatur eingeladen.“ Was das Kulturministerium in Zagreb verlauten ließ, bestätigte am Samstag eindrucksvoll die donumenta-Lesung. Edo Popović, Ivana Sajko und Marko Pogačar vertreten gewissermaßen drei Generationen, die nach dem Krieg die Literatur als Medium wählten, um dem nationalen Trauma des Krieges subjektiv zu begegnen. „Wie geht ein Land mit soviel Zynismus um? Macht soviel Aussichtslosigkeit nicht Angst?“ Ergriffen und gleichzeitig vor den Kopf gestoßen formulierte eine Zuhörerin unter dem Eindruck dieser Lesung ihre Frage an die Kroaten und Popović antwortete voller Lebenslust: „Ich freue mich, dass ich hier bin, ich freue mich, dass Sie da sind ich freue mich an den Lampen an der Decke. Es gibt viele freudvolle Momente, aber eben auch das andere.“
Dr. Alida Bremer, Literaturwissenschaftlerin und Moderatorin der Lesung betonte die Entwicklung weg vom politisch-gesellschaftlichen Zeugenstatus der kroatischen Schriftsteller hin zur literarisch subjektiven Spiegelung des Gesellschaftlichen. Der Bruch mit Autoritäten, mit der einen Wahrheit, verbindet das literarische Werk der drei ausgewählten Autoren. Marko Pogačar ist der Jüngste. In einem seiner Gedichte bekennt er: „Es ist alles eine lauwarme Pfütze der Melancholie.“ Als literarische Form wählt er die Epistel, die Botschaft, um Dinge zusammen zu bringen, die bisher kaum jemand zusammen gesehen hat. In seinem Text an den Gärtner schreibt der 24-jährige: „Die Kurven verlängern die Zeit, aber sie füllen sie nicht aus, sie sind präzise wie Telefonleitungen, die uns zur Nähe zwingen, uns mit anderen Wesen verbinden, die Vogelscheuche funktioniert auf eine ganz andere Art als das Telefon ...“. Pogačar hat sich intensiv mit US-amerikanischer Literatur beschäftigt und sie ins kroatische übersetzt. Selbstverständlich hat sie ihn beeinflusst.
Das Hinterfragen von Autoritäten ist auch das Thema im Werk der 1975 geborenen Ivana Sajko. Vehement gestikulierend wehrt sie sich gegen eine „Schubladisierung“ als politische Autorin. In ihren Texten stemmt sie sich gegen die eine gültige Position. Derb und unerbittlich dichtet sie der Protagonistin ihres Romans Rio Bar unterschiedlichste Blickweisen auf die Welt an. In einer Art Gegrüßet-seist-Du-Maria lässt sie die junge Kriegswitwe zetern: „Wo warst Du, Maria, als allen klar wurde, dass diese Welt einen Befreiungsschlag nur akzeptieren würde, wenn er maximal acht Tage dauert, weil danach nämlich ein Weltkrieg beginne und wir in diplomatische Scheiße treten würden ...“
Edo Popović ist 51. Er war Soldat und Kriegsberichterstatter findet aber kaum etwas langweiliger als den Krieg. Im Krieg wiederhole sich immer das Gleiche. Ihn interessieren Personen, die Vor- und Nachnamen haben. „Die Politik kotzt mich an.“ Es ist das Gefühl einer Generation, die im Übergang von Sozialismus zum Turbokapitalismus nicht mehr dort anknüpfen kann, wo sie in den 80er Jahren stand, als sie glaubte, die Welt liege vor ihr. In einer Weihnachtsgeschichte beschreibt er aus der Ich-Perspektive einen Jungen, der an der Krätze erkrankt ist und von seiner Mutter behandelt wird. Ansteckungsgefahr bestand nicht, „denn persönlichen Kontakt gab es bei uns nicht.“ Das erste Kapitel seines Romans Kalda endet mit den Worten: „Man konnte ganz solide glücklich sein, wenn man nicht zuviel verlangte, und meine Mutter gehörte zu dieser Sorte glücklicher Menschen.“
Am 5. November findet um 19.00 Uhr eine weitere donumenta-Lesung mit Marica Bodrozić statt, die Anfang November den „Initiativpreis Deutsche Sprache“ verliehen bekommt. Weitere Informationen unter www.donumenta.de
21.10.08 - michael kroll
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